Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie
versiegender Bach. (Amos 5,24)
Liebe Leser,
Das Wort Gerechtigkeit gehört wie „Schalom“ zu den zentralen Begriffen der Bibel. Erinnert sei an den babylonischen Herrscher Hammurapi, der das Recht schriftlich fixierte und u.a. auf einer Säule öffentlich sichtbar aufgestellt hat. Damit schuf er selbst bei der Strenge seiner Gesetze eine verbindliche und verlässliche Grundlage.
Fortan konnte sich jeder auf ein allgemein gültiges Recht berufen. Der Willkür bzw. Laune eines Herrschers waren damit Schranken gesetzt. Erinnert sei an den Griechen Drakon, von dem sich die „drakonischen Strafen“ ableiten und für übertrieben harte Strafen stehen. Übersehen wird, dass sein ebenfalls öffentlich ausgestelltes Recht die noch härteren willkürlichen der Vorzeit abschaffte. An die Stelle der Blutrache trat die ausschließliche Zuständigkeit der Gerichte. Die drakonische Gesetzgebung war ein wichtiger Schritt hin zum Gewaltmonopol des Staates.
Häufig begegnet uns die Formel „Recht und Gerechtigkeit“, Bibellesern ähnlich geläufig wie die Grußformel „Friede sei mit dir.“ Die gerechte Herrschaft des Königs bewirkt Frieden und Gerechtigkeit im Land (Psalm72,1-4). Die Hoffnung richtet sich am Ende auf Gott, der Recht und Gerechtigkeit zu seiner Sache macht und im Kreuz und der Auferstehung Jesu Christi vollendet.
Im Wendejahr 1989 hielt ich mich mit einem Freund, Lektor und Lehrer, eine Woche lang in Budapest auf. Als mein Gastgeber nach dem Studium des Lehrersohns fragte, gab dieser zur Antwort: „Er studiert Rechtswissenschaft.“ Der ungarische Gastgeber, ein lutherischer Pfarrer, bemerkte, gute Juristen benötigt unser Land am dringendsten. Recht hatte der Ungar. Bei dem Jurastudenten handelt es sich übrigens um den nachmaligen Verkehrsminister Dr. Volker Wissing.
Mit Sorge haben wir zuletzt beobachtet, wie selbst in demokratischen Ländern das Rechtswesen auf der Probe steht. Ein fehlerfreies Rechtswesen gibt es wohl erst im Himmel. Korruption im Rechtswesen ist jedoch ein Haupthindernis bei den Verhandlungen zum Beitritt in die Europäische Union.Der Prophet Amos tritt einmal schlagartig am Tempel auf und kehrt danach wieder in seinen Beruf als Pflanzer zurück. Er ist kein Dauerprophet wie später Jesaja oder Jeremia. Wie diese aber ist er nicht ab hängig wie die am Tempel angestellten Propheten, die Heil verkünden. Amos verkündet eher das Gegenteil, das Unheil, und bewahrt damit den klaren Blick auf die wirklichen Verhältnisse. Er sagt, tritt den Herrschenden unter Berufung auf die Wüstentradition der Väter unabhängig gegenüber. Der Gott der Väter lässt sich nicht im Tempelkult einsperren.
„Das wunderbare Bild von der Gerechtigkeit als nie versiegender Bach ist ein Gegenbild zur Wirklichkeit im Norden Israels. Dort verkümmert das Leben, weil die lebensspendende Quelle von Recht und Gerechtigkeit auszutrocknen scheint. Wer „das Recht in Wermut verkehrt und die Gerechtigkeit zu Boden stößt“ – so Amos 5,7, dem helfen auch die Tempelrituale und Propheten in Bethel und Gilgal nicht (Amos 5,5; 5,21-23, nach
Walter Altmann, Ev. Lutherische Kirche in Brasilien). Schneidend ist die Kritik des Amos am Luxus der Reichen und Mächtigen auf Kosten der Armen. Jesaja und andere Propheten setzen die Kritik an den Verhältnissen im Israel bis in die Exilzeit fort.
Das Babylonische Exil wird zum Tief- und Wendepunkt der Geschichte Israels. Christus macht im Einklang mit den Propheten deutlich, dass allein Gott gerecht macht. Der Apostel Paulus findet in der Gerechtigkeit Gottes den Kern der Botschaft Jesu. Im sog. „Turmerlebnis“ erkennt Martin Luther bereits 1513, dass Gerechtigkeit Gottes die Gerechtigkeit meint, die Gott selbst schafft. Gott macht den Sünder gerecht. Der christliche Gott ist ein gerechter und barmherziger Gott.
Pfarrer i.R. Friedhelm Hans

