Andacht aus Weg und Ziel 3/4 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

in den letzten Wochen haben wir die Leistungen der Athleten bei den Olympischen Winterspielen verfolgt. Ich glaube, wir alle haben viel Zeit in Cortina d’Ampezzo, Mailand, Bormio, Livigno, Predazzo, Val di Fiemme verbracht. Sicherlich waren unsere Gedanken und Herzen oft dort. Wir haben die Wettkämpfe der Teilnehmer in vielen Wintersportarten verfolgt und gesehen, wie sie nach Jahren intensiven Trainings, Aufopferungen und Schmerzen um Medaillen gekämpft haben. Sie haben um die ersten Plätze gekämpft, um auf dem Podium zu stehen und eine olympische Medaille zu gewinnen. Viele Athleten haben sicherlich unsere Herzen erobert, insbesondere die Sieger, aber vielleicht auch jene, die trotz ihres heroischen Kampfes keinen Erfolg erzielt haben. Wahrscheinlich werden wir uns noch einige Wochen oder Monate an sie erinnern. Es gibt Sportler, an die wir uns jahrelang erinnern können, doch das sind Ausnahmen, denn unser menschliches Gedächtnis ist flüchtig.

Der zweite Sonntag der Fastenzeit nennt sich Reminiscere, also: Gedenke! Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Es ist unsere Bitte, dass der Schöpfer sich an seine Schöpfung erinnert, dass er sie nicht vergisst, dass er sie nicht in Vergessenheit fallen lässt. In Wahrheit sind dies keine Worte zur Erinnerung, vielmehr zeugen sie von der Unsicherheit und Angst des Menschen. Der Psalmist erinnert Gott nicht an Dinge, die Er vergessen könnte. Das Vergessen ist keine göttliche Eigenschaft, sondern eine menschliche. Es ist vielmehr das Gebet eines Menschen, der selbst erneut „erinnert” werden muss, der sich bewusst werden muss, wer Gott ist. Das Problem liegt beim Menschen, nicht bei Gott. Es ist eine durch und durch menschliche Angst: Er würde vergessen, so wie Menschen vergessen.

Gott vergisst nicht, auch wenn wir Menschen das glauben. Wenn wir das Gefühl haben, dass er weit weg ist, unsere Probleme nicht wahrnimmt und unsere Bitten nicht hört, die wir manchmal still und unter Tränen aussprechen. Wenn in der Not Gedanken aufkommen wie: Der Herr hat mich verlassen und der Allmächtige hat mich vergessen. Er antwortet: Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet… (Jes 49,14-16a) Gottes Liebe, Barmherzigkeit und Fürsorge uns gegenüber ist größer als die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.

Barmherzigkeit und Gnade bestehen seit Jahrhunderten. Sie sind nicht Gottes Antwort auf unser Handeln, unsere Gottesfurcht, die Verbesserung unseres Lebens oder andere Leistungen. Sie gehen allem voraus. Bevor der Mensch versagt, bevor er um Hilfe ruft, bevor er sich bekehrt. Gottes Barmherzigkeit und Gnade warten bereits. Die Reformation hat die Kirche darauf hingewiesen, genau darin die frohe Botschaft, sola gratia, zu sehen. In diesem Psalm steht der Mensch ohne Maske vor Gott. Er bezieht sich nicht auf seine Taten, sondern auf Gottes Gedächtnis. Dieses Gedächtnis Gottes ist in der Bibel keine Erinnerung, sondern eine Handlung. Gott vergisst seine Barmherzigkeit nicht, Er verwirklicht sie. In der Fastenzeit bedeutet dies, auf Christus zu schauen, denn dort hat Gott Vater ein für alle Mal an seine Gnade für die Welt, für alle Menschen, für uns „gedacht”.

Deshalb soll das Lied des Psalmisten auch unser Gebet sein; nicht „schau, Herr, wie wir sind”, sondern „schau, Herr, wie Du bist” (Ps 139,17). In Momenten der Angst und Verlorenheit besteht der Glaube nicht darin, auf sich selbst zu schauen, sondern sich an das Versprechen zu klammern. Und dieses Versprechen überzeugt uns, dass die Barmherzigkeit Gottes älter ist als unsere Sünde und stärker als unser Zweifel, unser Mangel an Glauben.

In dieser besonderen Zeit wachsen in uns Freiheit und Frieden. Der Mut, nicht in Angst vor dem Gericht zu leben, sondern in Dankbarkeit für die Barmherzigkeit und Gnade, die seit Jahrhunderten fortbestehen.
Gedenke, Herr… 
Amen.

Pfr. Waldemar Gabryś

Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Leszno (Lissa)