Andacht aus Weg und Ziel 5/6 2026

Liebe Leserinnen und Leser,


der erste Sonntag im Mai, der Cantate-Sonntag, ist ein Tag zum Singen, doch es geht dabei nicht nur um Musik oder den schönen Klang der Stimme. Im lutherischen Sinne ist Gesang vor allem eine Antwort des Glaubens auf das Handeln Gottes. Der Psalmist spricht nicht: „Singt, denn das muss man“, sondern nennt den Grund: „denn der Herr hat Wunder vollbracht“. Gerade Gottes Handeln soll die Grundlage, das Fundament unseres Gesangs sein.

Martin Luther betonte, daß die wahre Anbetung aus dem Wort Gottes entstammt. Dieses Wort offenbart uns Gott als den, der wirkt – nicht abstrakt, sondern konkret in der Erlösungsgeschichte und letztendlich in Jesus Christus. Das größte Wunder, das diesem Psalm Sinn verleiht, ist das Heilswerk Christi: sein Tod und seine Auferstehung. Deshalb ist das Lied „neu“ – weil es sich auf eine neue Wirklichkeit bezieht, auf das neue Leben, das Gott aus Gnade schenkt.

In der lutherischen Theologie ist die Differenzierung zwischen dem, was der Mensch tut, und dem, was Gott für den Menschen tut, von zentraler Bedeutung. Psalm 98 macht deutlich: Gott hat Wunder gewirkt und tut dies auch weiterhin jeden Tag in unserem Leben. Unser Lied ist also weder ein Versuch, Gottes Gunst zu verdienen, noch ein Mittel, ihm etwas zu opfern. Es ist vielmehr eine Antwort – voller Dankbarkeit, spontan und aus dem Glauben heraus. Wir singen, weil wir beschenkt wurden.

Das wirft eine wichtige Frage auf: Ist unser Glaube tatsächlich eine Antwort auf Gottes Handeln oder eher ein Versuch, für Gott zu handeln? Wenn wir uns auf unsere eigenen Taten konzentrieren, geraten wir leicht in Unruhe. Reicht das aus, bin ich gut genug? Wenn wir hingegen auf Gottes Wunder blicken – insbesondere auf das Kreuz und das leere Grab –, entsteht in uns echte, von nichts gebundene Freiheit und Freude. Dann wird ein neues Lied ganz natürlich.

„Ein neues Lied“ bedeutet auch ein verwandeltes Herz. Es geht nicht darum, dass wir neue Melodien singen müssen, sondern darum, dass der Heilige Geist uns zu neuen Menschen macht. Luther sagte, der Glaube sei lebendig und aktiv – und eine seiner Früchte ist eben die Anbetung. Auch wenn das Leben schwer ist, auch wenn wir Leid erfahren, haben wir dennoch Grund zum Singen, denn Gottes Wunder hängen nicht von unseren Umständen ab.

Mehr noch, der Gesang der Kirche ist niemals nur eine individuelle Leistung. Der Psalm ruft die Gemeinschaft, die Kirche, auf: „Singt!“ In der lutherischen Liturgie nimmt der Gesang einen besonderen Platz ein, denn er ist das Verkünden des Evangeliums. Wenn wir singen, drücken wir nicht nur Gefühle aus, sondern bekennen auch unseren Glauben und erinnern uns gegenseitig daran, was Gott getan hat. Auf diese Weise wird das Lied zu einer Form der Verkündigung. Die Reformation erinnerte an die wichtige Bedeutung des Liedes im Leben eines Christen, und diesen Platz müssen wir weiterhin schützen.

Der Cantate-Sonntag erinnert uns also daran, dass das Christentum keine Religion des Schweigens oder der Last ist, sondern eine Religion der Freude, verwurzelt im Evangelium. Unser Gesang muss nicht perfekt sein – wichtig ist, dass er echt und aufrichtig ist. Gott sucht keine perfekten Stimmen, sondern Herzen, die auf seine Verheißungen vertrauen.
Lasst uns also dem Herrn ein neues Lied singen – nicht weil wir perfekt sind, sondern weil Er treu ist. Nicht weil unser Leben leicht ist, sondern weil Seine Gnade größer ist als unsere Schwächen. Lasst uns singen, denn in Christus hat Gott wahrhaftig Wunder vollbracht – und tut es weiterhin. Amen.

Pfr. Waldemar Gabryś

Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde in Leszno (Lissa)