(Prediger 4,6)
Liebe Leserinnen und Leser,
ich habe mich wieder einmal entschlossen, über das Wort nachzudenken, das als Motto des Monats – diesmal für den September – gewählt wurde. Diese Worte sind einfach und zugleich sehr kraftvoll und eindeutig. Sie erinnern uns daran, dass wir viel besitzen können, aber trotzdem nicht glücklich sein müssen. Wir können unser ganzes Leben lang kämpfen, arbeiten, ansammeln, uns um die Zukunft sorgen und am Ende feststellen, dass uns die wichtigsten Dinge auf unserem Weg verloren gegangen sind. Vielleicht waren sie sogar frei verfügbar, zum Greifen nah.
Wir denken oft: Ich möchte nur noch das erreichen, nur noch das kaufen, nur noch eine Sache erledigen, nur noch ein bisschen Geld beiseitelegen. Und dann kann ich endlich in Ruhe leben. Doch das Leben lässt uns nicht immer so lange warten, bis alles geregelt ist. Schließlich bleibt immer etwas zu tun.
Besonders mit zunehmendem Alter beginnen wir, diese Worte anders zu verstehen. Wir begreifen immer besser, dass nicht alles von uns abhängig ist. Gesundheit, Familie, Arbeit, Zukunftspläne – vieles kann sich in einem Augenblick ändern. Deshalb sollten wir lernen, das zu akzeptieren, was Gott uns heute schenkt.
„Eine Handvoll mit Ruhe“ bedeutet weder Faulheit noch den Verzicht auf Verantwortung. Es ist kein Aufruf dazu, nichts zu tun – auch wenn manche diesen Abschnitt vielleicht so interpretieren möchten. Es geht vielmehr darum, unsere Sorgen richtig einzuordnen. Wir können arbeiten, planen und uns um unsere Nächsten kümmern, aber wir müssen nicht so leben, als ob die ganze Welt ausschließlich von uns abhängen würde.
Als Christen kennen wir den Einen, dem wir unser Leben anvertrauen können. Jesus sagt: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Mt 6,34). Das ist zwar keine Verheißung eines Lebens ohne Probleme. Es ist jedoch das Versprechen, dass wir in unseren Problemen nicht allein sind.
Vielleicht schätzen wir gerade aus diesem Grund im Laufe der Jahre immer mehr Dinge, die wir früher gar nicht bemerkt haben: ein ruhiges Gespräch, eine Tasse Kaffee mit einem geliebten Menschen, eine Nachricht vom Kind, ein Treffen mit den Enkelkindern, ein gemeinsames Gebet, ein Lied, das in der Kirche gesungen wird. Es stellt sich heraus, dass man nicht zwei volle Hände braucht. Manchmal reicht eine Handvoll – wenn sie Frieden in sich trägt.
Und dieser Frieden kommt nicht in erster Linie von dem, was wir besitzen. Er kommt von Gott. Das Evangelium erinnert uns daran, dass unsere Sicherheit nicht auf unseren Errungenschaften, unseren Ersparnissen oder unserer Stärke beruht. Sie beruht auf Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist.
Deshalb können wir unsere „beiden Hände voller Mühen“ für einen Moment ruhen lassen. Wir müssen nicht länger dem nachjagen, was sich nicht halten lässt. Wir können unsere Hände öffnen und sagen: „Herr Gott, ich danke Dir für das, was Du mir heute schenkst. Lehre mich, Deine Gaben mit Dankbarkeit anzunehmen und Dir das anzuvertrauen, was ich noch nicht verstehe.“
Eine Handvoll in Frieden kann wirklich mehr wert sein als beide Hände voller Mühen. Denn wenn die Hände vor Gott offen sind, dann kann das Herz zur Ruhe kommen.
Amen.
Pfr. Waldemar Gabryś
Evangelische Kirchengemeinde Leszno (Lissa)

